MSMRatgeber

Methylsulfonylmethan sachlich erklärt

Schwefel als Verkaufsargument unter der Lupe

Fast jeder Werbetext zu MSM führt den Schwefelgehalt an. Die Zahl stimmt, der Schluss, der daraus gezogen wird, hält jedoch keiner Prüfung stand. Dieser Abschnitt zerlegt die Argumentationskette in ihre einzelnen Glieder.

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Der Schwefelanteil in Zahlen

Ein Molekül Dimethylsulfon enthält genau ein Schwefelatom. Bei einer molaren Masse von 94,13 Gramm je Mol und einem Atomgewicht des Schwefels von 32,06 ergibt sich ein Massenanteil von rund 34 Prozent. Drei Gramm MSM enthalten demnach etwa 1,02 Gramm Schwefel. Diese Rechnung ist korrekt und wird in Verkaufstexten zu Recht angeführt. Sie beschreibt allerdings ausschließlich die Zusammensetzung des Moleküls und macht keine Aussage darüber, was mit diesem Schwefel im Körper geschieht. Wichtig ist der Unterschied zwischen der Menge im Molekül und der Menge, die im Stoffwechsel tatsächlich verwertet wird. Die erste Zahl lässt sich ausrechnen, die zweite nicht.

Zum Vergleich lohnt der Blick auf die Ernährung. Schwefel wird beim Menschen ganz überwiegend über die schwefelhaltigen Aminosäuren Methionin und Cystein aufgenommen, also über Eiweiß. Wer täglich siebzig Gramm Protein isst, nimmt darüber Schwefel in der Größenordnung von ein bis zwei Gramm auf. Eine Portion MSM bewegt sich damit im Bereich dessen, was ohnehin über normale Mahlzeiten in den Körper gelangt. Als außergewöhnliche Zufuhr lässt sich das schwer darstellen. Wer zusätzlich Eier, Käse oder Hülsenfrüchte regelmäßig isst, liegt eher am oberen Rand dieser Spanne. Eine Sonderstellung nimmt eine Portion MSM in dieser Rechnung jedenfalls nicht ein.

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Die Kette, die im Marketing gebaut wird

Das Argument läuft fast immer in vier Schritten ab. Erstens: Der Körper braucht Schwefel. Zweitens: Schwefel steckt in Knorpel, Bindegewebe, Haut und Haaren, etwa in Keratin und in schwefelhaltigen Bausteinen des Bindegewebes. Drittens, so die Behauptung: MSM liefere Schwefel in verwertbarer Form. Viertens, meist unausgesprochen: Also nützt MSM diesen Geweben. Die ersten drei Sätze sind für sich genommen nicht falsch. Der vierte ist der eigentliche Verkaufssatz und folgt aus den ersten dreien nicht. Formal handelt es sich um einen Fehlschluss, bei dem von einer Eigenschaft des Stoffes auf einen Nutzen für den Menschen geschlossen wird. Im Bereich der Nahrungsergänzung begegnet er Ihnen in vielen Varianten.

Solche Ketten sind wirksam, weil jeder einzelne Schritt nachvollziehbar klingt und weil der Sprung am Ende nicht ausgesprochen wird. Er entsteht im Kopf der Leserin und des Lesers, was rechtlich für den Anbieter bequem und inhaltlich trotzdem eine gesundheitsbezogene Angabe ist. Prüfen Sie deshalb bei jedem solchen Text, ob der letzte Schritt tatsächlich belegt wird oder ob er nur nahegelegt wird. In aller Regel finden Sie an dieser Stelle keine Quelle, sondern einen Absatzwechsel. Deshalb lohnt es sich, den letzten Schritt beim Lesen einmal auszuformulieren: Sobald er als Satz dasteht, wird sichtbar, dass ihn nichts stützt.

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Wo die Argumentation reißt

Die Lücke liegt zwischen dem dritten und dem vierten Schritt. Damit eine zusätzliche Zufuhr etwas bewirken kann, müsste erstens ein Mangel vorliegen, zweitens dieser Mangel begrenzend für einen körperlichen Vorgang sein und drittens die Zufuhr genau diesen Engpass beheben. Für Schwefel ist keine dieser Bedingungen belegt. Es gibt keinen definierten Schwefelmangel beim Menschen unter normaler Ernährung, keinen offiziellen Referenzwert für die Zufuhr und keinen anerkannten Labormarker, mit dem ein solcher Status bestimmt würde. Ohne einen definierten Mangel fehlt der Ausgangspunkt, an dem eine zusätzliche Zufuhr überhaupt ansetzen könnte, und damit verliert die gesamte Argumentation ihre Grundlage.

Hinzu kommt ein zweiter, oft übersehener Punkt: Selbst wenn Schwefel aus MSM in den Stoffwechsel eingeht, folgt daraus nicht, dass er dort verwendet wird, wo der Werbetext ihn haben möchte. Der Körper baut Aminosäuren nicht aus beliebigen Schwefelquellen zusammen; Methionin ist essenziell und muss als solches zugeführt werden. Die Vorstellung, man könne über ein Sulfon gezielt Bindegewebe versorgen, ist eine anschauliche Erzählung, aber keine Beschreibung des Stoffwechsels. Der Körper reguliert den Umgang mit schwefelhaltigen Verbindungen ohnehin selbst und scheidet Überschüsse als Sulfat über die Nieren aus. Das Bild eines Speichers, den man auffüllt, passt auf diesen Stoffwechsel nicht.

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Schwefel über die Ernährung

Wer die Zufuhr schwefelhaltiger Aminosäuren im Blick behalten will, findet sie dort, wo Eiweiß ist: in Eiern, Milchprodukten, Fisch, Fleisch, Hülsenfrüchten, Nüssen und Getreide. Eier und Molkenprotein sind besonders reich an Cystein. Daneben enthalten Zwiebelgewächse und Kohlgemüse eigene organische Schwefelverbindungen, die für Geruch und Geschmack sorgen. Eine übliche Mischkost deckt den Bedarf an schwefelhaltigen Aminosäuren zusammen mit dem Eiweißbedarf ab; ein separates Rechnen ist dafür nicht vorgesehen. Angaben zu einzelnen Lebensmitteln finden Sie in Nährwerttabellen unter Methionin und Cystein, meist in Milligramm je hundert Gramm. Ein Ei liefert davon eine beachtliche Menge, ohne dass jemand dafür rechnen müsste.

Relevant wird das Thema am ehesten dort, wo die Eiweißzufuhr insgesamt niedrig ist, etwa bei sehr einseitiger Kost, im höheren Alter mit geringem Appetit oder bei stark eingeschränkten Ernährungsformen. In solchen Fällen ist die sinnvolle Antwort mehr Protein und nicht ein Sulfon in Pulverform. Wer unsicher ist, ob die eigene Versorgung ausreicht, lässt das in einer Ernährungsberatung oder in der ärztlichen Praxis einschätzen. Dort wird die gesamte Kost betrachtet und nicht ein einzelner Stoff. Als Orientierung gilt für gesunde Erwachsene ein Referenzwert von etwa 0,8 Gramm Eiweiß je Kilogramm Körpergewicht und Tag, im höheren Alter eher mehr.

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Wie das Muster in Texten auftritt

Achten Sie auf Wendungen wie organischer Schwefel, Schwefel des Lebens oder Baustein des Bindegewebes. Sie transportieren die Kette in verkürzter Form. Ein weiteres Muster ist die Behauptung, moderne Landwirtschaft und ausgelaugte Böden führten zu einem verbreiteten Schwefelmangel beim Menschen. Für diese Aussage fehlt eine belastbare Grundlage, denn der Schwefel des Menschen stammt aus Eiweiß und nicht aus mineralischem Bodenschwefel. Ebenso verbreitet ist die Behauptung, MSM sei die natürliche Schwefelform des menschlichen Körpers. Chemisch ergibt das keinen Sinn, denn körpereigener Schwefel liegt in Aminosäuren gebunden vor und nicht als Sulfon. Solche Sätze klingen fachlich und sind es nicht.

Ebenfalls verbreitet ist die Verwechslung verschiedener Schwefelverbindungen. Methylsulfonylmethan hat mit Sulfiten in Wein und Trockenfrüchten, mit Sulfaten in Mineralwasser und mit Sulfonamiden aus dem Arzneimittelbereich chemisch nichts zu tun. Wer auf Sulfite reagiert, kann daraus keinen Rückschluss auf MSM ziehen, und umgekehrt schützt MSM vor nichts davon. Wenn ein Text diese Begriffe vermengt, ist das ein zuverlässiges Zeichen dafür, dass die Chemie darin nur als Kulisse dient. Wer unsicher ist, prüft die Bezeichnung im Zutatenverzeichnis: Dort steht Methylsulfonylmethan oder Dimethylsulfon, und beides meint denselben Stoff. Alles andere gehört in eine andere Stoffgruppe.